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Kinderlos und Karriere: "Wir Übriggebliebenen"

Autor: Nicole Thurn
Datum: 08.06.2022
Lesezeit: 
4 Minuten

Weiblich, kinderlos, mittelalt und im "Glücksfall" beruflich erfolgreich? Gesellschaftlich gesehen haben wir versagt. 

Weiblich, Single, um die 40, ohne Kinder, aber mit vermeintlicher "Karriere". Wir sind der allzu harte Teigrand der Fertigpizza, der schale Schluck Bier im überhitzten Schanigarten, der letzte Song, bevor die Bar für immer schließt. Wir sind die Übriggebliebenen. Die billigen Reststücke auf dem Fleischmarkt der Online-Beschaulichkeiten, die Ausschussware im Sommerschlussverkauf, die Ein-Centstücke im Sparstrumpf der Gesellschaft, die fremdgeschämten Leider-Nein-Kandidatinnen bei DSDS. Wer uns im Konsumrausch einsackelt, lässt uns bald ungenutzt in der Ecke liegen. Wir haben im Grunde nichts geleistet, außer ein paar Euronen von unserem Gehalt ins Steuersystem abzudrücken. Wir haben nicht für die heldenhafte Nachkommenschaft gesorgt, die den Klimawandel stoppen und den dritten Weltkrieg abwenden und die Zombie-Apokalypse endfighten und zum Mars fliegen wird. Und wir haben es auch nicht zum energieautarken Häuschen am Stadtrand mit Hochbeet und Wippschaukel und englischem Rasen geschafft. Wir haben nichts vorzuweisen außer ein paar halbvergessener Projekterfolge, vielleicht einen Super-Merger oder irgendeine Startup-Gründung mit anschließendem Fuck-up, daneben im Privaten eine mickrige bis imposante Liste an ausgelutschten Liebhabern und manchmal Liebhaberinnen, die sich in Nacht- und Nebelaktionen verstohlen mit einem „Bin nicht bereit für eine Beziehung“ oder „Sorry, Kinderwunsch geht gar nicht“ davon gemacht haben, manchmal sogar, ganz ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Wir waren mal stolz auf das, was wir erreicht haben. Oder sind es noch. Nach dem Tagwerk tindern wir uns feierabends durch das fototechnische Gruselkabinett aus brustbehaarten Kampfsportapologeten, insektenaffinen Incel-Nerds, selbsternannten CEOs und hoffnungsvollen Jung-Biobauern im Weizenfeld – alle mindestens so verzweifelt wie wir, nur weniger heimlich. Wir dagegen strahlen filteroptimiert im instagrammable Business-Outfit mit Sonnenbrille und frisch colouriertem Sommerhaar an der urbanen Strandbar, nur wenige Sekunden bevor wir nach dem achten nachmittäglichen Gin Tonic heimlich in den überdimensionalen Buxbaumtopf kotzen. Diejenigen von uns, die das nicht tun, würden es vielleicht gern.

Wir führen Konzernabteilungen, agile Teams, stehen abends auf Bühnen oder sprechen im Radio über Aufstieg und Fall des Bruttonationaleinkommens. Dabei verdienen wir weit weniger, als wir verdienen, denn wir haben es ja nicht anders verdient. Unseren Erfolg sehen wir als kurzweiligen Glücksgewinn auf einer Serendipity-getränkten Laufbahn an. Abends weinen wir uns allein in den Schlaf oder tun es dann doch nicht, weil wir ja stark sein wollen, auch vor uns selbst.

Lustlos tindern wir uns feierabends durch das fototechnische Gruselkabinett aus brustbehaarten Kampfsportapologeten, insektenaffinen Incel-Nerds, selbsternannten CEOs und hoffnungsvollen Jung-Biobauern im Weizenfeld – alle mindestens so verzweifelt wie wir, nur weniger heimlich.

Pseudo-Liebe gegen Stress

Gelegentlich werden wir gerade vom anderen Geschlecht als „wirklich tolle Frau“ oder als „hochintelligent und dazu noch schön“ oder zumindest als „interessant und ehrgeizig“ bewundert und großherzig als Lieblings-Affäre im Wettrennen um die supernette, aber fade bis lästige Ehefrau auserkoren. Wir, die Übriggebliebenen, nehmen nunmal, was für uns übrigbleibt, und das sind ein paar mehr oder weniger schöne Stunden zu den Randzeiten, ein paar Brotkrumen aus Pseudo-Liebe gegen den Stress kurz bevor der Selbsthass einsetzt, ein halblustiges Gspusi hier und eine unfreundschaftliche Freundschaft-Plus da. Manch gut gemeinter Rat schlägt uns entgegen: "Du hast keine Kinder? Kann ja noch kommen." "Hat halt nicht sollen sein." "Warum nicht Samenbank? Du solltest dich unbedingt noch fortpflanzen, du bist so intelligent." Gewiss, die Welt bräuchte dringend unsere Gene und das gibt uns zeitweise zu denken. Während andere, gesellschaftlich gesehen fähigere Frauen zwischen Herd, Hausaufgaben, weinenden Babies, Online-Meetings und Frühschichten ihre Nerven zerreißen und an den Übererwartungen zerbröseln, brüten wir über Exceltabellen, peinlichen esoterischen Ratgebern, den immergleichen Karriere-Podcasts, veganen Single-Kochbüchern und Selbstmitleid Frizzante. Wir sind schon fertig, denn wir haben die Erwartungen definitv nicht erfüllt. Und manchmal, in den guten Momenten, fühlen wir uns sogar mütterlich gegenüber der Welt, auch wenn kein verrotztes, tränenblindes Kleinkind an unserem Rockzipfel zerrt.

Dabei tun wir alles um keine Opfer zu sein und uns schon gar nicht so zu fühlen. Wir haben uns in unser selbstdesigntes Pappmaché-Schloss eingemauert, in dem wir ganz selbstbestimmt thronen, herrschen und walten, wie wir wollen, ganz insgeheim zumeist latent gelangweilt bis resigniert auf den ungestümen Prinzen zu Ross hoffend, der sich seinen Weg durch die Dornen zu uns bahnt. Verirrt sich ein mehr oder minder tapferes Exemplar in unsere Richtung, wird ihm der Weg just mit unserem feuerzüngelnden Rache-Drachen versperrt, der ihn den brennenden Schmerz gleich vorab spüren lässt, den wir dereinst spüren mussten, noch ehe er sich in unsere Nähe wagt. An die Schlossinnenwand unseres Gemachs projiziert läuft dabei ein alter Hollywoodschinken in Dauerschleife, mit engelsgesichtiger Hauptdarstellerin und unnahbarem und viel zu alten Gentleman, von sanftem Streichorchester-Gedüdel begleitet.

Wir stehen und fallen täglich, denn unser Rückgrat ist genauso welk wie die uns qua Geburt angediehene Weiblichkeit, deren einziger gesellschaftlicher Sinn und Zweck es doch sein sollte, hübsche und gesunde Kindlein zu gebären. Und egal, ob dies nieundnimmer oder unbedingt unser Wunsch war – gesellschaftstechnisch haben wir es in jedem Fall ganz ungebenedeit verkackt. Im Spiel des Lebens haben wir uns disqualifiziert.

Kinderlos? Selbst schuld

Zumeist fühlen wir uns wie Ölsardinen eingesperrt in der Aludose, darauf wartend, dass uns jemand befreie. Aber dann wieder phasenweise so, als wären wir im zarten Backfischalter, als hätten wir das pralle Leben noch vor uns und als stünden uns alle Türen sperrangelweit offen: Auslandsstudium, hemmungsloser Sex mit attraktiven Abenteurern, dann das lebensdauernde Ehegelübde mit dem einzig wahren Seelenpartner, das zwei phlegmatische Kinder samt Doppelhaushälfte mit negativem Kreditzins und S-Bahn in Gehweite verheißt; daneben spannende Projekte, Aufstieg auf der glasdeckenlosen Karriereleiter, eine Yoga-Ausbildung auf Bali und eine freundliche und freiwillig unterbezahlte Putzhilfe. Oder so ähnlich.

Am Ende schaffen wir morgens gerade noch den Sonnengruß und scheitern mit eingeklemmtem Ischiasnerv an der „Krähe“, schrubben fluchend unsere verkalkte Badewanne, in der wir uns später katzenjammernd mit Meditationsmusik mental wegbeamen wollen, was natürlich nicht funktioniert, weil wir davor einen Spiegelblick auf unsere 17. Falte neben dem rechten Augenlid erhascht haben. Reality kills the vibe. Und, by the way: Eat, Pray, Love ist sowas von 2010.

Wir stehen und fallen täglich, denn unser Rückgrat ist genauso welk wie die uns qua Geburt angediehene Weiblichkeit, deren einziger gesellschaftlicher Sinn und Zweck es doch immer noch ist, hübsche und gesunde Kindlein zu gebären. Und egal, ob dies nieundnimmer oder unbedingt unser Wunsch war – gesellschaftstechnisch haben wir es in jedem Fall ganz ungebenedeit verkackt. Im Spiel des Lebens haben wir uns disqualifiziert. Unsere Gebärmutter, ein unnützes Ding.

„Ihr seid doch ganz selbst schuld“, raunt die Fratze der Gesellschaft uns gehässig zu. Was bleibt uns also noch, als so zu werden wie die übriggebliebenen Männer, verbittert und verhärmt, nur bitte wenn möglich aggressionsfrei und nicht hysterisch? Mit ihnen können wir es vielleicht aufnehmen, mit diesen anderen traurigen Gestalten, den zweifach Geschiedenen, den sich an Schnapsflaschen und Spieljetons Klammernden, den alternden Filous und narzisstischen Ehebrechern.

Der kleine Trost ist vielleicht, dass die übriggebliebenen Männer im Schnitt fünf Jahre vor uns übriggebliebenen Frauen sterben. Und am Ende tatsächlich nur wir übrig bleiben. Wie die Kakerlaken am Ende des Atomkriegs, endlich zufrieden und in Frieden mit uns selbst, im Schaukelstuhl des abgehalfterten Altersheims ein Stillleben mit der Aufschrift „F*ck it“ stickend.

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Beitrag von Nicole Thurn

ist Herausgeberin von Newworkstories.com, New-Work-Enthusiastin und langjährige Journalistin mit einem kritischen Blick auf die neue Arbeitswelt.

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