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Blogparade #dieZeitdanach: Was ist nach Corona wirklich, wirklich wichtig?

Autor: Nicole Thurn
Datum: 27.03.2020
Lesezeit: 
7 Minuten

Ein wenig fühlt sich die derzeitige Krise an wie das Prequel einer dystopischen Netflix-Serie. Existenziell für die einen, andere nutzen neue Chancen. Aber vor allem lehrt sie uns: die egomanischen Auswüchse des Kapitalismus haben ausgedient. Es ist Zeit für eine digital-humanistische Gesellschaft. Wie seht ihr das? Macht mit bei der Blogparade!

Was bleibt noch zu sagen? Als ich beschließe, über die Krise als Wendepunkt zu schreiben, merke ich, dass mich all die Dystopie-Apologeten und "Krise als Chance"-Mutjunkies längst überholt haben. Die Krise ist eine Chance für alle, die nicht akut in der Sch...e stecken. Die die Angst nicht gewinnen lassen wollen. Die noch genügend finanzielle und mentale Ressourcen haben, zu reflektieren, Ideen zu sammeln, digitale Skills zu erwerben, um daraus Neues zu kreieren. Die Vertrauen zu sich selbst und ins Leben haben. Ich zähle mich dazu. Ich komme erst so richtig in Fahrt, wenn alte Muster aufbrechen. Ich sehe, dass Wandel schmerzhaft ist, ja, schmerzhaft sein muss. Gesellschaftlich ist das die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Noch ist das Ganze eine "Wohlstandskrise", denn von Zuständen wie im Krieg sind wir gottseidank Lichtjahre entfernt (und diverse herumschwirrende Vergleiche mit "Kriegszuständen" sind gehörig geschmacklos). 

Andererseits ist ein fröhlich rausgeschleudertes "Krise als Chance!"  einfach nur zynisch gegenüber jenen, die gerade vorm Abgrund stehen. Die schon vor der Krise nicht zu den Gewinnern gehörten. Oder die sich als Gewinner glaubten und jetzt mit Turbogeschwindigkeit ins Aus katapultiert wurden. Die jetzt nicht wissen, wie sie ihre Familien mit dem kargen AMS-Geld durchbringen sollen. Die trotz in Aussicht gestellter staatlicher Subventionshilfen vor der Privatinsolvenz stehen. Die merken, dass es sich diesmal nicht ausgehen wird. Für die Ärmsten der Armen bleibt die Grundversorgung aus. Wohnungslose Menschen müssen hungern, weil die Essensausgabestellen dicht gemacht haben. Die familiäre Gewalt wird mit der Dauer der angespannten Situation zunehmen. Die Isolation treibt einsame Menschen in die Verzweiflung. Es ist alles ganz schön Sch...e verdammt, trotz der tausend Kilo Klopapier im Badezimmer. Ein wenig fühlt es sich an wie das Prequel einer dystopischen Netflix-Sci-Fi-Serie.

Hinzu kommen die ganz großen Fragen. Was kommt auf uns zu? Wie wird sich das alles demnächst auswirken? Was sind die Langzeitfolgen? Wird die persönliche Freiheit, wird der Datenschutz downgegradet? Werden wir uns an digitale Kontrolle gewöhnen? Werden Staaten die Kontrolle der Masse über Angst für ihre Machtausweitung ausnutzen? Wird es ein Hoch für Polizei und Militär geben? Werden wir Sündenböcke identifizieren oder gar neue konstruieren? (die Chinesen, der Tourismusort Ischgl, die Geheimdienste). Wird die Wohlstandsgesellschaft, wie wir sie kannten, endgültig vorbei sein und jeder selbst schauen müssen, wie er durchkommt? Uff.

Wie seht ihr die Zukunft nach Corona? Ist es Zeit für eine ökosoziale Wirtschaft und das bedingungslose Grundeinkommen? Für eine digital-humanistische Gesellschaft? Oder befürchtet ihr drohende Armut könnte uns wieder ins alte System zurückkatapultieren? Macht mit bei der Blogparade #dieZeitdanach! Schickt mir eure Beitrags-Links an nicole@newworkstories.com!

Digitalisierungs-Boost: Business not as usual

Dankbar klatschen wir  jenen, die unermüdlich für die "Systemerhaltung" schuften, die sich auf ihren Arbeitsplätzen in Supermärkten, Krankenhäusern und Pflegeheimen der Infizierung aussetzen. Es sind aber noch viel mehr Berufsgruppen als die, denen öffentlich ständig Anerkennung gezollt wird. Es sind die Schaffner,  Reinigungskräfte, Bauarbeiter und Securityleute, die Postboten und Lieferanten, die Produktionsmitarbeiter so mancher Betriebe und noch viele mehr, die uns anderen den Arsch retten.

Die andere Seite der Medaille glänzt nur so vor Digitalisierungschancen und"Digital Pride". Vor wenigen Wochen gab es in vielen Unternehmen noch Diskussionen über die Fallen und Hürden des Home Office, über Kontrolle und Missbrauch der neuen Freiheit. Mittlerweile hat sich für viele im "forced Home Office" eine neue Welt aufgetan. In Woche drei funktionieren die Abläufe, man ist versiert im virtuellen Meeting, kennt sich so langsam mit Tools wie Zoom und MS Teams aus. "Es ist unglaublich, wie schnell und problemlos es ging", erzählen mir diverse Führungskräfte und auch Mitarbeiter haben zunehmend Lust aufs Experimentieren mit digitalen Tools. Flexibles Arbeiten funktioniert. Vertrauen ist besser als Kontrolle. Kleine Anfangsschwierigkeiten sind kein Problem mehr. Man hilft einander, man lernt aus Fehlern und auch, mit der Belastung klarzukommen. Man nimmt endlich mehr Rücksicht auf Kollegen mit Kindern. Von der vielbeschworenen Entschleunigung merken vor allem Mütter - und endlich auch noch mehr Väter - zwischen doppeltem Home Office oder belastenden Einsätzen "da draußen", Kinderkrise, Lernbetreuung und Langeweile, wohl wenig. Dann wird morgens geputzt, gearbeitet und Kinder bei Laune gehalten und abends macht man die To-Dos, für die man sich wirklich konzentrieren muss - und schläft dabei ein. Morgens erwacht man mit schlechtem Gewissen, gegenüber den Kindern oder den Kollegen oder beiden. Andererseits lernen wir zu schätzen, zwischendurch mehr Zeit für uns oder die Kinder zu haben, ohne strenges nine-to-five. Froh zu sein über ein Fleckchen Erde oder einen Balkon und darüber, dass die eigene Familie gesund ist. 

Im "alten" Teil der Wirtschaftswelt feiern die Statusgläubigen, Profitler und Emporkömmlinge mit dem good old "eigenen Vorteil auf Kosten anderer" fröhliche Urständ'.

Der Kapitalismus profitiert eben von der Krise, wo er kann.

Diese Krise ist ein Lackmustest für unsere Gesellschaft. Was ist wirklich wirklich wichtig, wer wollen wir sein und wie miteinander umgehen?

Der wahre Charakter zeigt sich in der Krise. Und es zeigt sich auch, was uns wirklich wichtig ist und was und antreibt. Bleiben wir in der Angststarre oder schalten wir auf lösungsorientiertes Handeln um? Sehen wir den eigenen Vorteil oder wollen wir anderen helfen? In der Krise zeigt man sein wahres Gesicht - auch Unternehmen tun das. Da gibt es gesunde Konzerne, die ihre Mieten zahlen könnten, aber nicht wollen (H&M, Deichmann, adidas), oder wie Milliardär Rene Benko den Staat um hunderte Millionen anbetteln, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und trotzdem Dividenden ausschütten - wie KTM- CEO Stefan Pierer, der mehr als 3600 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicke und sich selbst über seine Beteiligungsgesellschaft angeblich 4,2 Millionen Euro Dividende auszahlt. (Anmerkung: ein Dividendenverbot wie in Frankreich ist in Österreich kein Thema, Pierer übrigens großzügiger Spender der Kanzlerpartei ÖVP). Und dann noch jene, die wegen Peanuts die Existenz ihrer Mitarbeiter gefährden, wie der Modekonzern H&M in Österreich, der geringfügig Beschäftigte zu unbezahltem Urlaub (4 Wochen!) anhielt, darunter auch Alleinerziehende. Oder wie jene Anwaltskanzleien, denen nichts Besseres einfällt als arglose ehrenamtliche Näherinnen von Mundschutzmasken abzumahnen (Mundschutz darf' man's nicht nennen? Verklagt mich doch.). Und die aufbegehrenden Manager, die angesichts der drastischen Sicherheitsmaßnahmen in leisen und zunehmend lauteren Zwischentönen die Wirtschaft über Menschenleben stellen. Na klar machen die alle ihren Job. Na klar müssen sie auf ihr Business schauen. Na klar tun sie nur, was ihnen rechtlich zusteht.

Im "alten" Teil der Wirtschaftswelt feiern die Statusgläubigen, die Profitler und Emporkömmlinge eben mit dem good old "eigenen Vorteil auf Kosten anderer" fröhliche Urständ'. Der Kapitalismus profitiert von der Krise, wo er noch kann.

Wir haben die Chance auf einen echten Wandel  - in eine digital-humanistische Gesellschaft.

Andere Unternehmen nutzen indes die Zeit, um etwas beizutragen, so gut sie eben noch können:

Ein Betreiber einer Wiener Digitalagentur und eines Crossfitstudios erzählte mir kürzlich, er würde alle geringfügigen Mitarbeiter auch ohne Arbeit weiterbezahlen (was sagt H&M dazu?). Die meisten seien Studenten und bräuchten das Geld. Im übrigen spricht sich sowas herum und zahlt ins "Employer Branding" ein, ganz ohne schmucke Hochglanzkampagne. Andere wie das Nobelrestaurant Taubenkobel, beliefern Bedürftige und/oder medizinische Helfer mit warmen Mahlzeiten. Das steirische Naturkosmetik-Unternehmen Ringana etwa produziert Desinfektionsmittel kostenlos für Hilfsorganisationen. Andere haben ihre Mitarbeiter mit Kindern für einige Tage bezahlt freigestellt, haben mit vollem Einsatz bei der Umstellung ins Home Office angepackt und  tun alles, um ihre Mitarbeiter halten zu können. Oder sie stellen ihre Mitarbeiter frei, damit diese sich ehrenamtlich engagieren können. Andere entwickeln in Hackatons Apps und digitale Tools, um in der Coronakrise zu helfen, rascheren Informationsaustausch zu ermöglichen oder nutzen ihre Webseiten als Marketing-Plattform für andere Unternehmen. Oder sind einfach im Umgang gegenüber Kunden und Geschäftspartnern "menschlich. Ich bin Einzelunternehmerin und habe Anrufe von meinen Kunden bekommen, die sich nach meinem Wohlergehen erkundigt haben. Und die mir versichert haben, dass ich weiterhin regelmäßig Aufträge erhalten werde. Das tut gut, gibt mir Sicherheit - und  vor allem dieser persönliche Umgang auf Augenhöhe ist unbezahlbar.

Es gibt unzählige gute Beispiele engagierter Unternehmen und Menschen, die versuchen, das Beste daraus zu machen - und zwar nicht auf Kosten anderer, sondern mit anderen und sogar für andere. Jedes Unternehmen und jeder kann seinen Beitrag leisten, wenn es denn will. 

Weg vom Ego

Der Krisenzustand schweißt auch zusammen, wenn es um interne Veränderungen geht. Solidarität beginnt bei kleinen Dingen, das gilt auch im Kleinen für die Führung intern. Darauf wies mich kürzlich eine Managerin eines Energiekonzerns hin. Sie hat To-Dos ihrer Mitarbeiter in Richtung IT-Abteilung herunterpriorisiert, einfach weil es wichtiger sei, "dass die SAP-Systeme für alle Mitarbeiter funktionieren", ergo: die Arbeit von anderen derzeit einfach wichtiger sei als die eigene. Manchmal sollte man das eigene Ego in Sachen Leadership eben beiseite lassen. Das tun auch viele viele andere: Mitarbeiter, die sich bis zur Erschöpfung arbeiten. Führungskräfte, die bis spätabends Anfragen beantworten. Firmen, die ihre Angebote in wenigen Tagen komplett auf digital umkrempeln. All das ist nur mit Zusammenhalt möglich - und dem Beiseiteschieben eigener Befindlichkeiten und Bestrebungen. 

Klar ist: So wie zuvor geht's nicht weiter

Nach der Krise muss sich etwas ändern. Wie es tatsächlich weitergehen wird, liegt allerdings an uns. An jedem und jeder Einzelnen. Ob die Welt sich dann schneller drehen muss, um den Stillstand wieder aufzuholen. Ob wir beim Aufsammeln all der Scherben uns gegenseitig helfen oder wieder mit ausgefahrenen Ellbögen durch die Welt gehen. Ob wir noch egoistischer auf unser eigenes Überleben schauen und die Hilferufe anderer ignorieren. Ob wir wieder zurückfallen in Konsumwahn und Optimierungswahn und Leistungsgetriebenheit.

Es könnte den längst überfälligen Mindshift geben - in Richtung Collaboration statt Konkurrenz, in Richtung Gemeinwohl für Profit & People, in Richtung Individualisierung der Arbeit bei gleichzeitiger Stärkung der gemeinsamen Werte. Hier sind jetzt die gefragt, die diesen Wandel schon lange herbeisehnen. Das Engagement Einzelner reicht leider nicht. Wir brauchen ein System, das Solidarität und Gemeinwohlstreben TROTZ Profitorientierung belohnt. Das Collaboration und Zusammenhalt auch in der Wirtschaft zugunsten aller fördert. Das reines Profitstreben zum Nachteil der Allgemeinheit abstraft. Wir müssen die egomanischen und gesellschaftsschädlichen Auswüchse des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts endlich hinter uns lassen. Und wir müssen uns befreien von alten Denkmustern, die uns in der Krise blockiert haben. Für mich ist "echtes" New Work daher nicht (nur): Home Office, Agilität, Flexibilisierung und fröhliches Digitalisierungspipapo. Sondern New Work ist vor allem: der Versuch, kein charakterloses A...loch  zu sein, das ausschließlich sich selbst am nächsten ist. Es ist die Neuentdeckung des Humanismus in einer digitalen Epoche. Die Frage ist also: was kann jeder von uns hierbei im Kleinen beitragen, damit wir alle da möglichst gut durchkommen? Und wie können wir die Gesellschaft post-corona so gestalten, dass wir alle langfristig profitieren? Was zählt nach dieser Krise noch? Was ist wirklich, wirklich wichtig? Die Welt könnte eine Bessere werden, wenn wir uns diese Fragen endlich ernsthaft stellen.

Hinweis: Dieser Impuls soll der Auftakt für eine Serie sein: ich möchte Unternehmen sichtbar machen, die mit der Corona-Krise auf eine ganzheitliche, menschliche Art umgehen. Für die Profit und People zusammengehören. Du kennst ein solches Unternehmen? Dann schreib mir! 

Weitere Beiträge zur Blogparade #diezeitdanach:

Hendrik Epe:

It’s Time for New Work!

Das Team von Bluebottles:

http://bluebottles.net/2020/04/12/3-oder-mehr-schoene-dinge-durch-coronoia/

Anne M. Schüller:

Es ist die Zeit der Street Smarts

https://www.linkedin.com/pulse/post-corona-verlangt-einen-neuen-corporate-purpose-anne-m-sch%C3%BCller/?published=t

Sven und Anja von Doppeltspitze:

https://doppeltspitze.de/im-doppel-durch-die-krise/

#7Team talee (Tilmann, Simone & Tanja) 
https://blog.talee.de/the-new-normal/


Sabina Haas:
https://www.sabinahaas.at/was-ist-nach-corona-wirklich-wirklich-wichtig/

Beitrag von Nicole Thurn

ist Herausgeberin von Newworkstories.com, New-Work-Enthusiastin und langjährige Journalistin mit einem kritischen Blick auf die neue Arbeitswelt.

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